#012 Ist jetzt nicht alles schon so hoch?

Ein Beitrag von www.benediktbrandl.com

Heute geht es um eine Frage, die ich derzeit sehr oft bespreche, mit meinen Kunden, den Leuten die ich bei ihren Finanzanlagen berate, und die teilweise große Verunsicherung hervorruft. Es geht um die Frage: „ist jetzt nicht alles schon so hoch?“. Deswegen möchte ich euch fünf Gedanken mitgeben, die euch Orientierung geben sollen.

Schauen wir uns als erstes einmal an, was die letzten Jahre passiert ist. Wir hatten 2008 die große Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2007 losging mit der Pleite der Investmentbank Bear Stearns, die Probleme mit ihrem Immobilienkrediten bekam, und dann ihren Höhepunkt fand, als die Investmentbank Lehmanbrothers und einige andere Finanzinstitute, wie die deutsche Hypo Real Estate, zu Grunde gingen. Mit entsprechenden Ansteckungseffekten auf die globale Wirtschaft. Aktien sind damals so stark gefallen wie selten zuvor, nämlich um knapp 50% auf dem breiten Markt. Es hat bis 2013 gedauert, bis dieser Rückgang wieder aufgeholt war und heute stehen der DAX und der S&P500 Index über das 3,5 fache höher, als im Tief 2009 und damit auch auf Allzeithoch. Und das löst bei vielen privaten und institutionellen Anlegern ein ungutes Bauchgefühl aus, und sie fragen sich nach diesem in der Tat sehr langem Bullmarkt: „ist jetzt nicht alles schon so hoch?“. Und damit komme ich zum ersten meiner fünf Gedanken, die ich dir mitgeben möchte.

Gedanke 1: Verlasse dich nicht auf dein Gefühl

Aus der Behavioral Finance, also der Forschung über menschliches Verhalten in wirtschaftlichen Fragen, wissen wir, dass wir uns mit unserem intuitiven Verhalten oft selbst schaden. Es liegt einfach in unserer Natur, dass wir die Dinge etwas irrational bewerten. Zum einen leiden wir am sogenannten Dispositionseffekt. D. h. wir bewerten einen Verlust von 20% emotional wesentlich höher als einen Gewinn von 20%. Das hat dann zur Folge, dass wir zwanghaft versuchen Verluste zu vermeiden, und viel zu früh aussteigen, damit wir die schon gemachten Gewinne nicht verlieren, oder dass erst überhaupt nicht ins Investment einsteigen wollen. Deswegen propagiere ich eine starre Asset Allocation, als eine zum Anleger passende Gewichtung aus Aktien und Anleihen, die man dann durch Dick und Dünn beibehält, ohne sich Fragen stellen zu müssen, ob das jetzt richtig oder falsch ist. Was wir auch immer im Kopf haben sollten ist unsere selektive Wahrnehmung. Das bedeutet, dass wir die Informationen, die wir so aufnehmen nicht vollständig und gleichwertig verarbeiten, sondern genau die Nachrichten stärker bewerten, die uns in unserer bestehenden Meinung bestärken. Und die ist von der Tendenz her eher etwas Pessimistisch, weil ja das menschliche Gehirn darauf trainiert ist, Schmerzen zu vermeiden. Abgesehen davon verkaufen sich schlechte Nachrichten ja wesentlich besser, was auch der Grund ist, warum wir wesentlich mehr davon lesen, wenn wir in die Zeitungen schauen. Von daher ist das persönliche Bauchgefühl und die Interpretation von vermeintlich schlechten Nachrichten mit höchster Vorsicht zu genießen. Man sollte sich also immer fragen: bewerte ich jetzt gerade rational oder irrational? Oder entscheide ich gerade aus einem Gefühl heraus?


Gedanke 2: Es gibt nicht automatisch alle 10 Jahre einen Crash

Die Generation von Anlegern, die heute 50 ist, hat nur die letzten 30 Jahre am Aktienmarkt miterlebt. Und ich weiß, wenn man sich den Chart der letzten 30 Jahre anschaut, dann schaut es zu fast 100% so aus, als ob die Märkte alle zehn Jahre crashen würden. Von 1990 bis 2000 war ein riesen Boom und danach der harte Crash mit -50%. Dann der Anstieg bis 2007 und wieder ein Crash im Jahr 2009 mit -50%. Jetzt haben wir wieder den zehn jährigen Anstieg hinter uns und alle warten wie die Katze vorm Mauseloch auf den großen Crash, damit man endlich wieder günstig einkaufen kann! Ich würde es natürlich begrüßen, wenn es denn so einfach wäre – ist es aber nicht. Und das wird spätestens klar, wenn man sich den langfristigen Chart ab 1926 vor Augen führt. Die größten Rückgänge waren 1931, 1937, 1973 und 74, und dann erst wieder 2000-2002 und 2008. In den 36 Jahren zwischen 1937 und 73 gab´s keinen einzigen Jahresrückgang von mehr als 20% im S&P500. Und zwischen 1974 und 2001 auch nicht. Sogar das Jahr 1987 mit dem Schwarzen Montag war zum Jahresende ein positives Jahr. Die Aufwärtsphase können also wesentlich (!) länger andauern, als das der heutigen Anlegergeneration bewusst ist. Natürlich muss es nicht so sein, es kann auch genauso gut dieses Jahr, nächstes Jahr oder in fünf Jahren einmal stärker korrigieren. Das gehört ganz klar dazu. Aber was, wenn es doch noch zehn Jahre dauert und die Kurse nach dem Rückgang immer noch 50% über dem heutigen liegen? Für genau dieses Problem zeige ich euch am Ende noch einen Lösungsansatz.

Gedanke 3: Der Höchststand ist die Normalität

Ich glaube der Grund warum die meisten Leute heute ein Problem beim Einstieg in den Aktienmarkt sehen ist, dass wir auf historischen Hochs notieren. Wie gesagt, die aktuelle Generation von Anlegern kennt und mag das nicht, weil es gefühlt jedes Mal zu einer scharfen Korrektur gekommen ist, wenn wir neue Hochs hatten. Aber das täuscht. Ich habe vor ein paar Jahren mal einen Drawdown Chart für den europäischen Aktienmarkt gemacht. D.h. der Chart ist im Prinzip aufgebaut auf einer waagrechten Linie, die immer dem aktuellen Höchststand entspricht (Nulllinie) und manchmal sind Zacken nach unten drin, wenn es mal eine Korrektur vom Höchststand gab. Das Ergebnis war, dass seit 1970, 41% der Monatsschlusskurse nicht mehr als 2,5% unter dem All-Time-High lagen. Also einfach gesagt, fast jeden zweiten Monat haben wir statistisch ein neues All-Time-High gesehen. Von 1980 – 2000 waren es sogar 60%! Aber zwischen 2000 und 2013 waren es nur noch 15%. D.h. für die aktuelle Anlegergeneration ist das völliges Neuland (Die permanenten All-Time-Highs). Die Anlegergeneration zwischen 1980 und 2000 kennt das überhaupt nicht anders, als, dass alle paar Monate ein neues Allzeithoch gesetzt wird. Und ganz langfristig ist der Höchststand auch die Normalität. Es gibt bis jetzt keinen 20 jährigen Anlagezeitraum der nicht aufwärts verlaufen wäre. Also auch hier haben wir es wieder mit einer extremen, selektiven Wahrnehmung zu tun, auf Basis der Erfahrungen die wir in der jüngsten Vergangenheit gemacht haben. Das ist übrigens auch einer der größten Verhaltensfehler: „die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit werden wesentlich stärker bewertet als die langfristigen“.

 

Gedanke 4: Entscheidend ist der Faktor

Damit ist der Kaufpreisfaktor gemeint, also das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Die meisten Leute schauen beim DAX oder Dow Jones nur auf den Kurs aber nicht auf das was sie dafür bekommen. Wie bei einer Immobilie kann man bei Aktien schauen: nach wieviel Jahren zahlt sich die Sache von selbst ab? Nach zehn Jahren wäre es ein Superdeal. Nach 40 Jahren ein schlechter Deal. Genau das Gleiche Prinzip gilt für Aktien. An der Stelle verweise ich aber auf meine 8. Folge – Die nächsten 10 Jahre am Aktienmarkt – das sagt das Cape. Das CAPE oder auch Shiller-KGV ist der aussagekräftigste Indikator den wir auf Sicht von 10-15 Jahren für den Aktienmarkt haben. Es ist keine 100% Garantie, es ist auch nur ein 50%er Indikator. Aber wie schon gesagt, geht es darum den Kaufpreis im Verhältnis zum Ertrag zu setzen. Ich glaube jedem dürfte klar sein, dass die Immobilienpreise aus dem Jahr 1988 mit heute nicht mehr vergleichbar sind, genauso wenig die aus dem Jahr 2000. Es wird einfach teurer mit der Zeit. Die Inflation schreitet voran, die Mieten etc.. Genauso wenig ist der DAX Punktestand von 1987 oder 2000 mit dem heutigen vergleichbar, weil die Unternehmen heute 3x so viel verdienen, so wie auch die Mieten gestiegen sind. Und solange es Märkte mit einem vernünftigen Kaufpreisfaktor gibt, habe ich persönlich kein Problem damit zu kaufen, weil die Chancen, dass es in zehn Jahren höher steht als heute, dann relativ gut stehen. Aber dann muss man auch konsequenter die teuren Märkte meiden, wie ich das in der 8. Folge auch erklärt habe. Also die Kernaussage: Der Faktor ist wichtiger als der Punktestand.

 

Gedanke 5: Besinne dich auf deinen Anlagehorizont

Auch ich muss es mir wirklich immer wieder bewusst machen. Ein Investment am Aktienmarkt ist eine langfristige Sache. Mit weniger als zehn Jahren Planungshorizont brauche ich nicht groß anfangen in Aktien zu investieren.

Geschweige denn weniger als fünf. Dafür sind die zeitweisen Schwankungen einfach zu hoch. Und wenn ich so einen Rückgang mangels Zeit nicht aussitzen kann, bekomme ich natürlich bei jedem kurzfristigen Rückgang nasse Hände und muss entscheiden: bleibe ich jetzt investiert, oder gehe ich raus? Wenn ich auf der anderen Seite aber viel Zeit habe, in der mein Geld arbeiten kann, dann ist der heutige Einstandspreis eigentlich kaum entscheidend. Der DAX ist im Jahr 1988 mit 1.000 Punkten aufgelegt worden. Zu seinem 25. Geburtstag 2013 stand er bei etwa 8.000 Punkten. Das war eine durchschnittliche Wertsteigerung von 8,6%. Wenn man jetzt davon ausgehen will, dass er das die nächsten 25 Jahre auch schaffen sollte, dann wäre der Stand im Jahr 2038 ca. 60.000 Punkte. Und ob ich da bei den heutigen 12.500 Punkten eingestiegen bin, oder bei 10.000 macht das nicht mal 1% Renditeunterschied aus. Also, wer in Aktien investieren will, der sollte auf jeden Fall ausreichend Zeit mitbringen und sich das auch immer wieder bewusst machen, weil dann ist es egal, ob der Markt mal 20% oder 30% korrigiert. Dann wird vielleicht ein bisschen nachgekauft und das war´s. Gedanklich darf mich nur das Ergebnis in 10, 20 oder mehr Jahren interessieren. Aber nicht das für die nächsten fünf Jahre. Ansonsten kommt´s eben dazu, dass man unentspannt wird in einem Marktumfeld wie aktuell. Und dann ist man enorm gefährdet für Fehlentscheidungen.

Das waren meine fünf Gedanken zur Frage, ob jetzt nicht schon alles so hoch ist. Und ich habe euch ja noch eine Lösung versprochen, für die, die immer noch kein gutes Gefühl haben. Wartet nicht darauf, dass der Markt korrigiert. Es kann sein, dass das morgen ist, oder noch Jahre dauert und der Einstieg trotzdem teurer ist als heute.

Fangt an mit einem Mischverhältnis aus Aktien und Anleihen, das um eine Stufe sicherer ist, als das was ihr es euch langfristig vorstellen könnt. Dann habt ihr den guten Kompromiss. Solange es weiter geht, seid ihr teilweise beim Anstieg dabei und wenn der Markt mal nach unten gehen sollte, habt ihr jede Menge trockenes Pulver um günstig nachkaufen zu können. Allerdings wird das langfristig trotzdem etwas Rendite kosten. So wie´s immer ist, wenn man mehr Sicherheit haben will. Alternativ könnt ich auch euren geplanten Anlagebetrag aufteilen und über die nächsten 12-18 Monate in gleichen Raten investieren. Dann habt ihr nicht einen sondern einen Durchschnittseinstiegskurs und wenn es auf dem Weg doch mal günstiger werden sollte am Markt, könnt ihr den Rest der Raten auf einmal nachschieben.

Damit sind wir am Ende der aktuellen Folge. Ich hoffe ihr konntet für euch ein bisschen was mitnehmen. Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt, schreibt mir wie üblich eine Mail auf benedikt@benediktbrandl.com

In der nächsten Folge wird es um die weltweite Staatsverschuldung gehen und die Auswirkungen auf Dein Vermögen. Ich würde mich freuen, wenn du wieder dabei bist

Bis dann!

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